Schonzeitgedanken, ein Beitrag von Silvio Anders
Naturschutzreferent, stellvertretender Geschäftsführer des LJVT e.V.
Ende der Jagdzeit auf wiederkäuendes Schalenwild und Drückjagden ab 31.12.
In früheren Zeiten war die Jagd weit mehr als das bloße Erlegen eines Tieres. Sie war eingebettet in den Rhythmus der Natur, verbunden mit Verantwortung, Gemeinschaft und dem Bewusstsein für Grenzen. Besonders rund um die Wintersonnenwende – dem Wendepunkt des Jahres – wurde deutlich, wie abhängig der Mensch von natürlichen Kreisläufen war. Die Jagd sicherte das Überleben, lieferte Nahrung, Kleidung und Wärme, aber sie forderte auch Respekt, Maß und Dankbarkeit.
Heute leben wir in einer Zeit, in der diese Grenzen scheinbar aufgehoben sind. Bedürfnisse lassen sich rund um die Uhr konsumieren – oder besser gesagt: überdecken. Ein Klick, eine Karte, eine Bestellung, und fast alles ist jederzeit verfügbar. Die Kreditkarte ersetzt die Vorratshaltung, der Supermarkt die Jahreszeiten, der Kaufakt das bewusste Verzichten. Dabei geht etwas Wesentliches verloren: das Gefühl dafür, was wirklich notwendig ist.
„Weniger ist mehr“ war früher keine Lebensphilosophie, sondern Realität. Die Jagd bedeutete nicht Überfluss, sondern Verantwortung. Es wurde genommen, was gebraucht wurde – nicht mehr. Das Tier wurde vollständig genutzt, Fleisch geteilt, Felle verarbeitet, Knochen verwendet. Jagd war ein Gemeinschaftsakt, kein individueller Konsum. Sie schuf Zusammenhalt, gegenseitige Abhängigkeit und ein gemeinsames Bewusstsein für Nachhaltigkeit, lange bevor es dieses Wort gab.
In unserer schnelllebigen, oft oberflächlichen Zeit wirkt die Jagd auf viele fremd oder widersprüchlich. Doch gerade heute kann sie ein Gegenpol sein – nicht als Massenphänomen, sondern als Haltung. Sie zwingt zur Auseinandersetzung mit Herkunft, mit Tod und Verantwortung, mit Zeit und Geduld. Sie lässt sich nicht beschleunigen, nicht digitalisieren, nicht auslagern. Wer jagt, muss beobachten, warten, verzichten können – und akzeptieren, dass Erfolg nicht garantiert ist.
Diese Haltung findet ihre Entsprechung auch in wildbiologischen Erkenntnissen. Die Forschung zum Energiehaushalt von Rehen und anderem wiederkäuenden Schalenwild zeigt eindeutig: Der Winter ist für Wildwiederkäuer eine Zeit des extremen Sparens. Ihr Verhalten ähnelt dem echter Winterschläfer – Wildbiologen sprechen vom „kleinen Winterschlaf“. Die Tiere leben auf Sparflamme. Sie nehmen im Winter deutlich weniger Nahrung auf als im Sommer, die Darmpassage dauert länger, da die verfügbare Nahrung schwerer verdaulich ist und sich das Pansenvolumen verändert.
Bemerkenswert ist die Fähigkeit der Wildwiederkäuer, ihre Organe dem jahreszeitlichen Energieangebot anzupassen. Der Pansen kann im Winter um bis zu 20 % kleiner werden. Die Leber eines Sommerrehs wiegt etwa 600 Gramm, im Winter dagegen nur noch rund 400 Gramm. Auf diese Weise senken Reh, Rotwild und andere Wildwiederkäuer ihren Energiebedarf auf bis zu die Hälfte des sommerlichen Niveaus – beim Rotwild ist diese Reduktion sogar noch ausgeprägter.
Diese fein abgestimmte Anpassung ist jedoch störanfällig. Wird Wild in dieser sensiblen Phase unnötig beunruhigt oder gestresst – etwa durch Bewegungsjagden mit Hundeeinsatz – zwingt man die Tiere, wertvolle Energiereserven zu verbrauchen. Die Folge kann ein erhöhter Verbiss sein, da die Tiere versuchen, den verloren gegangenen Energiebedarf wieder auszugleichen. Was kurzfristig als jagdlicher Erfolg erscheint, kann langfristig zu genau jenen Problemen führen, die man eigentlich vermeiden möchte.
Vor diesem Hintergrund ist es folgerichtig und verantwortungsvoll, ein klares Zeichen zu setzen. Der Landesjagdverband Thüringen e.V. spricht sich daher unter Berücksichtigung der seit Jahren bekannten wildbiologischen Erkenntnisse ausdrücklich für ein Jagdzeitende auf wiederkäuendes Schalenwild insgesamt sowie für ein Ende von Drückjagden ab dem 31.12. aus.
Schonzeitgedanken – Fazit
Gerade der aktuell strenge Winter mit anhaltender Kälte, geschlossener Schneedecke und eingeschränktem Nahrungsangebot verschärft diese Situation zusätzlich und macht deutlich, wie existenziell Ruhe, Schonung und ein verantwortungsvoller Umgang mit wildlebenden Wiederkäuern in dieser Jahreszeit sind.
Vielleicht liegt genau hierin die heutige Bedeutung der Jagd: nicht als nostalgischer Rückblick, sondern als stiller Gegenentwurf. Als Erinnerung daran, dass wir Teil der Natur sind – nicht ihre Kunden. Und dass weniger oft keinen Verlust bedeutet, sondern Tiefe, Verbundenheit und Verantwortung. Gerade die Schonzeit kann so zu einer Zeit des Innehaltens werden – für das Wild, aber auch für uns selbst.
