Die Jenaer Erklärung fordert ein Umdenken: Ruhe für das Wild, Nutzen für den Wald
Landesjagdverband Thüringen stellt beim Landesjägertag 2026 in Niederorschel die Kernforderungen für mehr Wildtierwohl, Waldschutz und nachhaltige Jagdausübung heraus
Niederorschel. Im Rahmen des Landesjägertages 2026 des Landesjagdverbandes Thüringen e.V. (LJV) stand neben der repräsentativen Mitgliederversammlung insbesondere die Zukunft einer wissenschaftlich fundierten Jagd- und Wildtierpolitik im Fokus. Dabei rückte die sogenannte Jenaer Erklärung, die im Anschluss an die Fachtagung „Jagd und Artenschutz“ von elf Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis unterzeichnet wurde, in den Mittelpunkt der Diskussion.
Unter dem Leitgedanken „Weniger jagen, mehr schützen“ fordert die Erklärung keine Einschränkung der Jagd als solche, sondern eine stärkere Ausrichtung jagdlicher Maßnahmen an wildbiologischen Erkenntnissen. Ziel ist es, Jagd dort zu konzentrieren, wo sie wirksam ist, und Wildtieren in besonders sensiblen Zeiten die notwendige Ruhe zu ermöglichen.
Anlässlich des Landesjägertages wurde die Erklärung durch den Schalenwildobmann Matthias Neumann an den Thüringer Umweltminister Tilo Kummer übergeben. Gleichzeitig bildet sie die Grundlage einer Petition, die aktuell im Petitionsausschuss des Thüringer Landtages behandelt wird.
Präsident Gunstheimer: Wissenschaft stärker in politische Entscheidungen einbeziehen
In seiner Rede vor den Delegierten und Gästen des Landesjägertages appellierte LJV-Präsident Gunstheimer an die politischen Entscheidungsträger, wildbiologische Forschungsergebnisse stärker in die Ausgestaltung jagdlicher Rahmenbedingungen einzubeziehen.
Er machte deutlich, dass die Thüringer Jägerschaft bereit sei, Verantwortung für Wald, Wild und Artenvielfalt zu übernehmen. Gleichzeitig müsse jedoch anerkannt werden, dass nachhaltige Lösungen nicht allein durch steigenden Jagddruck erreicht werden können. Vielmehr seien differenzierte Konzepte erforderlich, die ökologische Zusammenhänge berücksichtigen und auf belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen.
Winterruhe schützt Wild, Wald und Feld
Die Jenaer Erklärung stützt sich auf zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zum Verhalten von Wildwiederkäuern während der Wintermonate.
Reh-, Rot- und Damwild reduzieren in dieser Zeit ihren Stoffwechsel erheblich. Herzfrequenz, Körpertemperatur und Bewegungsaktivität werden abgesenkt, um Energie zu sparen. Werden die Tiere in dieser Phase wiederholt gestört, steigt ihr Energiebedarf deutlich an. Dies kann zu häufigeren Fluchtbewegungen und einer verstärkten Nahrungssuche führen – mit negativen Folgen für Waldverjüngung und landwirtschaftliche Kulturen.
Die Unterzeichner der Erklärung sehen deshalb in gezielten Ruhephasen einen wichtigen Beitrag sowohl zum Wildtierwohl als auch zur Verringerung von Verbiss- und Feldschäden.
Die fünf Kernforderungen der Jenaer Erklärung:
Jagdschwerpunkt im Herbst
Die Bejagung von Schalenwild soll vorrangig in den Zeitraum von August bis Weihnachten gelegt werden. Während der Kernwinterzeit ab Januar soll Wild möglichst wenig gestört werden. Notwendige Ausnahmen in besonderen Situationen bleiben möglich.
Verbindliche Wildruhezonen
Mindestens fünf Prozent der Landesfläche sollen während der Wintermonate als störungsarme Rückzugsräume zur Verfügung stehen. Dort sollen weder Jagd noch andere intensive Störungen stattfinden.
Nachhaltige Reduzierung von Feldschäden
Die Erklärung fordert einen ganzheitlichen Ansatz zur Vermeidung von Wildschäden. Neben jagdlichen Maßnahmen sollen auch Fruchtfolgen, Flächennutzung und gezielte Lenkungsmaßnahmen stärker berücksichtigt werden.
Wildökologische Raumplanung
Lebensräume und Wanderbewegungen von Wildtieren sollen stärker in Planungen einbezogen werden. Maßnahmen sollen sich an ökologischen Zusammenhängen orientieren und nicht ausschließlich an Revier- oder Verwaltungsgrenzen.
Gemeinsames Monitoring
Jagd-, Forst-, Landwirtschafts- und Naturschutzverwaltung sollen ihre Daten stärker verknüpfen und gemeinsam auswerten. Eine belastbare Datengrundlage wird als Voraussetzung für langfristig erfolgreiche Entscheidungen angesehen.
Plädoyer für eine wirksame Jagd
Der Landesjagdverband Thüringen bewertet die Jenaer Erklärung als wichtigen Beitrag für eine sachliche Debatte über die Zukunft des Wildtiermanagements. Die Erklärung versteht sich ausdrücklich nicht als Kritik an der Jagd, sondern als Impuls für eine zielgerichtete und wirksame Jagdausübung.
Die zentrale Botschaft lautet: Mehr Wildtierwohl, weniger Schäden in Wald und Feld sowie mehr Biodiversität lassen sich nicht durch pauschal höheren Jagddruck erreichen, sondern durch eine Kombination aus wissenschaftlich fundierter Bejagung, gezielten Ruhephasen und einer abgestimmten Zusammenarbeit aller Beteiligten.
Mit dieser Position unterstützt der Landesjagdverband Thüringen ein klares Signal für eine moderne Jagdpolitik, die ökologische Verantwortung, gesellschaftliche Akzeptanz und nachhaltige Nutzung gleichermaßen berücksichtigt.
