Jagd im gesellschaftlichen Wandel – LJVT bei den 19. Židlochovicer Gesprächen
Wie verändert moderne Technik die Jagd? Welche Verantwortung tragen wir Jäger im digitalen Zeitalter? Und wie gelingt es, Waidgerechtigkeit und Jagdethik auch unter veränderten gesellschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen zu bewahren? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die 19. Internationalen Židlochovicer Gespräche. Der Landesjagdverband Thüringen ist als Teil der deutschen Delegation vertreten.
Die Židlochovicer Gespräche haben sich zu einem wichtigen internationalen Forum für den fachlichen Austausch über die Jagd in Mitteleuropa entwickelt. Vertreter der Jagdverbände, Wissenschaftler und Fachleute aus mehreren europäischen Ländern kommen zusammen, um Entwicklungen nicht nur aus nationaler Perspektive zu betrachten, sondern voneinander zu lernen und gemeinsame Herausforderungen zu diskutieren.
Für den Landesjagdverband Thüringen liegt genau darin der besondere Wert dieser Tagung:
„Über den eigenen Tellerrand schauen, Entwicklungen frühzeitig erkennen und Impulse für die praktische Verbandsarbeit in Thüringen mitnehmen.“
In diesem Jahr steht die Tagung unter dem Leitthema:
Jagd im gesellschaftlichen Wandel
Bereits die Zusammensetzung der Teilnehmer macht den internationalen Charakter deutlich. Zur Eröffnung begrüßten unter anderem Vertreter aus Tschechien, Österreich, Deutschland und der Slowakei die Teilnehmer. Für den Deutschen Jagdverband nahm Vizepräsident Wolfgang Heins teil. Der Landesjagdverband Thüringen wurde durch Präsident Ludwig Gunstheimer vertreten.
Von Jagdethik bis digitaler Öffentlichkeitsarbeit
Das Tagungsprogramm griff Fragestellungen auf, mit denen sich auch der LJVT bereits intensiv beschäftigt.
Den Auftakt des Fachprogramms bildete Martin Ossmann von Der Anblick mit dem Thema „Jagd im gesellschaftlichen Wandel – Herausforderungen und Chancen“.
Mit der grundlegenden Frage „Warum Ethik?“ beschäftigte sich anschließend Univ.-Prof. Dr. Markus Moling von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen. Simone Lechner stellte mit ihrem Vortrag „Zwischen Handlung und Haltung – Jagdethik in der jagdlichen Praxis“ den unmittelbaren Bezug zum täglichen jagdlichen Handeln her.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Kommunikation. Christine Fischer von HIRSCH&CO widmete sich unter dem Titel „Jagdkommunikation in digitalen Öffentlichkeiten – Zwischen Freiheit und Verantwortung“ einer Frage, die für Jagdverbände heute von enormer Bedeutung ist.
Denn gesellschaftliche Wahrnehmung von Jagd entsteht längst nicht mehr allein im persönlichen Gespräch, in der regionalen Zeitung oder am Streckenplatz. Instagram, Facebook, Videos und andere digitale Formate prägen zunehmend das Bild der Jagd. Damit wachsen die Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit – gleichzeitig aber auch die Verantwortung jedes Einzelnen für das Bild, das wir als Jägerschaft nach außen vermitteln.
Moderne Jagdtechnik: Nicht alles, was möglich ist, muss sinnvoll sein
Einen weiteren Schwerpunkt bildete das Verhältnis von Jagdethik und moderner Technik. Wolfgang Holzinger beschäftigte sich mit „Jagdethik und Technik im Wertewandel“, Wildbiologe Dr. Hubert Zeiler stellte die grundsätzliche Frage „Welche Jäger brauchen wir?“.
Genau diese Diskussion führt der Landesjagdverband Thüringen bereits seit einiger Zeit sehr bewusst.
Mit unserem Fachseminar „Waidgerechte Jagd mit Nachtsicht- und Wärmebildtechnik – Rechtlich. Praktisch. Verantwortungsbewusst.“ am 21. August 2026 in Mellingen haben wir dieses Thema gezielt aufgegriffen. Rund 50 Teilnehmer beschäftigten sich gemeinsam mit Referent Ulrich Menneking nicht nur mit technischen und rechtlichen Fragen, sondern ausdrücklich auch mit Sicherheit, Fehlanwendungen und den jagdethischen Grenzen moderner Nachtjagdtechnik.
Für den LJVT ist dabei eines entscheidend: Moderne Jagdtechnik wird sich nicht aufhalten lassen – und sie muss auch nicht grundsätzlich abgelehnt werden. Entscheidend ist, wie wir mit ihr umgehen.
Wärmebildgeräte, Nachtsichttechnik und weitere technische Entwicklungen können Jagd sicherer, effizienter und in bestimmten Situationen auch tierschutzgerechter machen. Gleichzeitig darf technische Machbarkeit niemals zum alleinigen Maßstab jagdlichen Handelns werden.
Die Dosis macht das Gift. Entscheidend bleiben der selbstreflektierte Umgang mit Technik, die jeweilige jagdliche Situation und die Frage, ob unser Handeln weiterhin den Grundsätzen von Waidgerechtigkeit und Verantwortung gegenüber dem Wild entspricht.
LJVT-Präsident Ludwig Gunstheimer bringt die Position des Verbandes dazu auf den Punkt:
„Moderne Technik kann den Jäger unterstützen, aber sie darf ihm niemals die jagdliche Verantwortung abnehmen. Entscheidend bleibt der Mensch hinter der Technik: sein Wissen, seine Erfahrung und vor allem seine Haltung gegenüber Wild und Jagd. Waidgerechtigkeit muss deshalb auch im digitalen und technischen Zeitalter der Maßstab unseres Handelns bleiben.“
Jagdethik gehört stärker in die Ausbildung
Die Diskussionen in Židlochovice bestätigen aus Sicht des LJVT zugleich eine Forderung, die künftig stärker auf Bundesebene verfolgt werden sollte: Der verantwortungsvolle Umgang mit moderner Jagdtechnik und die Vermittlung von Jagdethik müssen einen noch höheren Stellenwert in der Jagdausbildung erhalten.
Eine gute Jungjägerausbildung darf sich nicht darauf beschränken, Wissen für das Bestehen der Jägerprüfung zu vermitteln. Sie muss junge Jägerinnen und Jäger darauf vorbereiten, später selbstständig verantwortungsvolle Entscheidungen im Revier zu treffen.
Wann ist der Einsatz einer technischen Möglichkeit sinnvoll? Wann sollte bewusst darauf verzichtet werden? Wie verändert Technik unser Verhalten gegenüber dem Wild? Und welche Bilder unserer Jagdausübung wollen und können wir gegenüber einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit vertreten?
Solche Fragen gehören aus unserer Sicht ebenso zur modernen Jagdausbildung wie Wildbiologie, Waffenhandhabung oder Jagdrecht.
Mit dem Jagdschein beginnt das Lernen erst
Gleichzeitig kann diese Aufgabe nicht allein an Jagdschulen und Prüfungsausschüsse delegiert werden.
Hier sieht der LJVT insbesondere erfahrene Jagdpächter und Revierinhaber in einer besonderen Verantwortung.
Mit bestandener Jägerprüfung ist ein junger Mensch rechtlich zur Jagdausübung befähigt – jagdliche Erfahrung entsteht jedoch erst über Jahre. Deshalb brauchen wir eine Jagdkultur, in der erfahrene Jäger ihr Wissen weitergeben, junge Jäger mit ins Revier nehmen und ihnen auch erklären, warum bestimmte Dinge getan oder bewusst nicht getan werden.
Gerade in Zeiten hochentwickelter Wärmebildtechnik, immer leistungsfähigerer Optiken und schnell verfügbarer Informationen über soziale Medien ist diese persönliche jagdliche Begleitung wichtiger denn je.
Jagdliches Handwerk wird nicht allein durch Technik besser. Es wird durch Erfahrung, Wissen, Selbstreflexion und Haltung besser.
Wildregulation und die Frage: Warum jagen wir?
Dass die Židlochovicer Gespräche weit über eine reine Technikdebatte hinausgingen, zeigte auch das Nachmittagsprogramm.
Univ.-Prof. Dr. Jiří Kamler von der Mendel-Universität Brno beschäftigte sich mit „Wildregulation ja, aber wie?“. Univ.-Prof. Dr. Dr. Sven Herzog von der Technischen Universität Dresden stellte mit „Warum jagen wir?“ schließlich eine der grundlegendsten Fragen überhaupt.
Den Abschluss bildete ein umfangreiches Podiumsgespräch mit Vertretern der Jagdverbände und der Wissenschaft. Diskutiert wurden insbesondere die Öffentlichkeitsarbeit für die Jagd sowie die Verantwortung des einzelnen Jägers. Für Thüringen beteiligte sich LJVT-Präsident Ludwig Gunstheimer an dieser internationalen Diskussionsrunde.
Warum dieser Austausch für unsere Mitglieder wichtig ist
Für den LJVT sind die Židlochovicer Gespräche keine Tagung um der Tagung willen. Viele der dort diskutierten Fragen begegnen uns längst ganz konkret in Thüringen.
Nachtjagdtechnik, Jagdethik, Jungjägerausbildung, Wildregulation, gesellschaftliche Akzeptanz und digitale Öffentlichkeitsarbeit sind Themen, zu denen unser Verband Positionen entwickeln, Veranstaltungen anbieten und gegenüber Politik und Öffentlichkeit sprachfähig sein muss.
Der internationale Austausch ermöglicht dabei einen Blick auf Erfahrungen und Lösungsansätze unserer Nachbarländer. Gleichzeitig zeigt er, dass viele Herausforderungen, vor denen die Jagd in Thüringen steht, längst keine rein thüringischen oder deutschen Fragestellungen mehr sind.
Die Jagd befindet sich im Wandel. Technische Möglichkeiten entwickeln sich rasant, gesellschaftliche Erwartungen verändern sich und unser Handeln wird öffentlicher und schneller bewertet als jemals zuvor.
Umso wichtiger ist es, dass wir diesen Wandel als Jägerschaft nicht nur beobachten, sondern ihn fachlich und selbstbewusst mitgestalten.
Für den Landesjagdverband Thüringen bleibt dabei der Maßstab klar: Eine moderne Jagd braucht moderne Kenntnisse – aber ebenso jagdliche Erfahrung, Waidgerechtigkeit, Selbstreflexion und Verantwortung.
Genau deshalb sind Veranstaltungen wie die Židlochovicer Gespräche für unsere Verbandsarbeit wertvoll:
Wir nehmen Impulse auf, bringen unsere eigenen Erfahrungen in den internationalen Austausch ein und übertragen das, was für Thüringen sinnvoll ist, in unsere praktische Arbeit für unsere Mitglieder.